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Ein Fahrbericht mit dem BMW RT-Update -
der BMW R 1150 RT

(Stand: 24.04.2001)

Text/Fotos: Ralf Kistner


"Alles wird gut" - oder soll es besser heißen: "Alles wird besser"? - Jeder, der ein Produkt auf dem Markt hat, unterhält eine Entwicklungsabteilung, die dafür zu sorgen hat, dass die Produkte beständig dem aktuellen Wissens- und Technikstand angepasst werden. "Verbesserung" heißt die Devise. "Innovation." Die Entwickler und Techniker von BMW zeigten mit dem Erscheinen des R 1150 RT-Updates, dass sie in ihrer Entwicklungsabteilung auf Hochtouren arbeiten und darauf bedacht sind, vor allem die Verkehrssicherheit ihrer motorisierten Zweiräder zu erhöhen.

Neuestes Ergebnis intensiver Entwicklungsarbeit ist das Integralbremssystem in Verbindung mit einem elektronischen Bremskraftverstärker, der bei Motorrädern eine absolute Novität darstellt und Bremswege erheblich verkürzen helfen soll. Inwieweit dies zutrifft, wollte ich in einem 2-wöchigen Test herausfinden. Die RT hat eine lange Geschichte hinter sich. Schon immer war sie für Fernreisende konzipiert. Komfort i.V.m. einem durchzugstarken Boxermotor war ihr Markenzeichen.
Über ihr Aussehen scheiden sich die Geister. Manche meinen, statt der RT könne man auch gleich Auto fahren. Andere sind von der Ausstattung und den Reisequalitäten bis in die Haarwurzeln überzeugt.

Als ich die RT in der Tiefgarage im BMW-Werk vor mir sehe, denke ich mir, dass diese 2 Wochen mit dieser Maschine zwar bequem und windgeschützt sein werden, doch hege ich mächtige Zweifel daran, dass diese gewaltige Erscheinung auf 2 Rädern auch Spaß machen soll. Immerhin gilt es, 279 kg fahrfertigen Leergewichts durch die Landschaft zu wuchten.
Die RT verspricht jedenfalls guten Wetterschutz. Beruhigend, wenn ich daran denke, dass Petrus oben anscheinend seit langer Zeit mit heftigem Wasserüberschuss zu kämpfen hat und uns damit zu beglücken versucht. Es regnet wie aus Eimern geschüttet.

Ich laufe um die Maschine herum. Auf den ersten Blick hat sich zur R 1100 RT nicht viel geändert. Die Verkleidung wurde modifiziert zugunsten eines besseren Wetterschutzes. Zudem erhielt die Neue Klarglasscheinwerfer mit integrierten Nebelscheinwerfern in der Leuchteneinheit. Schade, dass hier an einer Nebelschlussleuchte gespart wurde. Die Bedienungselemente sind übersichtlich in Griffnähe plaziert. Neben Blinker und Aufblendlicht betätigt der linke Daumen die elektrische Scheibenverstellung und die wichtigsten Radiofunktionen.
Ja - liebe Leute, ein eingebautes Radio bei einem Motorrad. Ich gehöre - nein - gehörte auch zu denjenigen, die darüber den Kopf schütteln. Klar ist der Hörgenuss bei 100 km/h deutlich eingeschränkt. Man muss die Anlage so aufdrehen, dass die eingebauten Lautsprecher zu scheppern anfangen.
Das wäre auch nicht meine Verwendung. Mein Einsatz wäre bei der Fernreise über die Autobahn während der kleinen Pause die Verkehrsmeldung, da man sich bekanntlich während der Hauptreisezeit mit vielen Gleichgesinnten zum gemeinsamen Plausch auf der BAB im Stau trifft. Will man das umgehen, ist das Radio eine willkommene Hilfe. Aber das ist Ansichtssache. Ich weiß schon.

Bedienungselemente und Instrumente
Das Cockpit ist komplett ausgestattet. Nichts fehlt mir. Ich erhalte beim Einschalten der Zündung Infos über die aktuelle Tankfüllmenge, die Uhrzeit, Motortemperatur, und per Kontrolllampen über die Bereitschaften von ABS, Bremskraftverstärker etc. Letzterer meldet sich nach dem obligatorischen Systemcheck beim Betätigen von Fuß- oder Handbremshebel mit hellem Summen zu Wort.

So, meine Utensilien habe ich in den serienmäßigen Touringkoffern verstaut. Choke ziehen und starten. Der Startvorgang dauert etwas länger als gewohnt. Dann springt der Boxer an und läuft sofort rund. Ich habe den Eindruck eines Schweizer Uhrwerkes, wenn ich ihm so zuhöre. Beim Anfahren merke ich das bullige Drehmoment des modifizierten Boxers, der sich in der GS-Schwester schon tausendfach bewährt hat. So ist weitläufig bekannt, dass die Hubraumerhöhung auf 1130 ccm durch eine Vergrößerung der Bohrung erreicht wurde. 95 PS Spitzenleistung bei einem max. Drehmoment von 100 NM können abverlangt werden. Zwischen 4000 - 5000 Umin trat jedoch ein spürbarer Drehmomentabfall auf, der im lang ausgelegten 6. Gang ab und zu zum Herunterschalten motivierte.

Auf der Autobahn bin ich gleich froh um die Verkleidung und die verstellbare Scheibe. Regen über Regen. Ein Knopfdruck, und die Scheibe bewegt sich bis auf meine Augenhöhe herauf und nach vorne. Ergebnis: kaum Regentropfen am Helm und zudem ein Sog, der mich mit zunehmender Geschwindigkeit immer mehr nach vorne zu ziehen scheint. Ich bekomme das Gefühl eines Luftpolsters im Rücken. Zudem kaum mehr Windgeräusche. Ich muss mich an den Tacho halten, da ich anfangs mein Tempo total unterschätze. Ich bin es gewohnt, den Winddruck zu spüren, der jedoch mit dieser Scheibenstellung vollständig wegbleibt. Die kühlen Temperaturen können meine Kleidung mangels direktem Wind nicht durchdringen, so dass mit der RT lange Etappen durchaus auch um den Gefrierpunkt zurückgelegt werden können ohne sich dabei Frostbeulen zu holen.

Die Bremsen
Aber nun zur modifizierten Bremsanlage. Man ist ja ein Gewohnheitstier. Gewisse Handlungsabläufe sind wie eingemeißelt fest in unserem Hirn verankert, wenn wir diese Abläufe immer und immer wiederholen, bis sie endlich in Fleisch und Blut übergegangen sind. Als Motorradtester darf das eigentlich nicht sein, denn jede Maschine ist einfach anders. Von meiner alten GS bin ich gewohnt, die Fußbremse kraftvoll zu betätigen, um der Trommel ein Mindestmaß an Leistung abzuverlangen. Auf der Autobahn trete ich wie gewohnt in einer haarigen Situation voller Elan auf den Fußhebel mit der Wirkung, dass ich mich fast vornüber katapultiere. Die Bremsleistung setzt derart vehement ein, dass ich mich erst fangen muss, um zu realisieren, dass ich gerade schier eine Vollbremsung hingelegt habe. Dabei taucht die Maschine vorne wie hinten heftig in die Federelemente ein. Das Heck schwänzelt etwas.

Sichtlich beeindruckt lasse ich den Fuß nun weg und probier es mit der Hand. Nach einigen Millimetern Leerweg ohne Bremswirkung setzt die Integralbremse ruckartig ein und bedeutet mir, doch bitte nur zwei Finger zu benutzen. Das ist Bremsleistung satt. Was jedoch fehlt, ist die feine Dosierbarkeit. Möchte man die Geschwindigkeit nur etwas nach unten korrigieren, muss man trotz Fingerspitzengefühl am Bremshebel eine unvermittelt stark einsetzende Verzögerung in Kauf nehmen. Daran muss ich mich erst mal gewöhnen. Und das ist nicht einfach, denn diese Art des Bremseinsatzes versaut mir oft die Linie. Ich muss wirklich zusehen, vor jeder Kurve die richtige Fahrgeschwindigkeit drauf zu haben. Manchmal nervt mich dieser Umstand. Aber ich denke mir, dass dies die erste Generation einer elektronisch verstärkten Bremsanlage ist - und die Jungs von BMW sicher daran arbeiten werden, die Feindosierbarkeit einer konventionellen Bremsanlage zu erreichen. Es täte jedenfalls meiner Meinung nach Not.

Konstantfahrruckeln
Wenn ich nun schon beim Meckern bin, mache ich gleich weiter. Es wurde in den Neuvorstellungen viel darüber geschrieben, dass nun das Joch eines 4Ventil-Boxertreibers, das Jammertal des Konstantfahrruckelns überwunden sein soll. Bei meiner Testmaschine ist das eine glatte Fehlanzeige.
Ist es denn wirklich nicht möglich, bei einer Maschine, für die ein Kunde immerhin an die 28.000.- DM über den Tresen schieben muss, diese wahrlich nervige Angelegenheit dauerhaft zu beheben? Meine RT ruckelt jedenfalls unbeeindruckt von jeder technischen Modifizierung beständig vor sich hin. Besonders nervig auf der Landstraße bei Tempo 100 im 6. Gang. Also da muss wirklich nachgebessert werden, ist diese Unsitte nun doch seit Jahren bekannt. Aus Presseberichten war zu entnehmen, dass andere Tester mit der RT ähnliche Erfahrungen machten.

Das Fahrwerk
Äußerst positiv wirkt das Gesamtkonzept des Fahrwerks. Den Kardan spüre ich fast nicht. Die Federelemente von Showa sprechen sehr sensibel an und verschonen mich von feinen Unebenheiten. Wie in einer Limusine fühle ich mich. Der modifizierte breite Fahrersitz tut sein Übriges. So können Kilometer gefressen werden ohne Rückenschmerzen. Komfort pur. Trotz ihres Leergewichtes von knapp 280 kg wirkt die RT agil und leicht steuerbar. Selbst sportliche Fahrweise lässt dieses Dickschiff klaglos zu. Kurvenkombinationen auf kleinen Landstraßen erfordern zwar etwas Nachdruck, jedoch so im Rahmen, dass es dank des Lenkerhebels fast nicht auffällt. Schade, dass im Soziusbetrieb das hintere Federbein zum Durchschlagen neigt. Insgesamt wirkt die RT voll beladen zu weich bei schneller Fahrt. Bodenwellen beantwortet sie mit Aufschaukeln des Hecks, was Unruhe in die Fuhre bringt. Ansonsten ist sie jedoch wirklich dank günstiger Schwerpunktlage problemlos und leicht zu handhaben.

Fazit
Ich denke, dass die RT trotz einiger Kritikpunkte ein wirklich ausgewogenes Reisebike darstellt mit einem Komfort und einer Ausstattung wie eine Limusine, die zottelnd wie sportlich über die Landstraßen bewegt werden kann. Selbst lange Autobahnetappen können zum Genuss werden. Die Fernreisegemeinde wird ihr sicherlich wie ihren Vorgängermodellen den ihr gebührenden Platz einräumen.

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