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Fahrbericht KTM RC8R Modell 2011

Text: Ralf Kistner
Fotos: Ralf Kistner, Tom Rueß

Kein Motorrad zur Erholung - die KTM RC8R

Was sorgte die KTM RC8R bei ihrem Ersterscheinen für Aufsehen. Erst stellten die Mattighofer Racespezialisten eine RC8 auf die Beine, die neben ihren Sportfähigkeiten mit allen ergonomischen Nettigkeiten aufwartete. Dann stellten sie der „einfachen“ RC8 die KTM RC8R zur Seite. Leichter, stärker und mit optimiertem Fahrwerk bereit, auf der Rennstrecke zu punkten. Im Landstraßentest vor 2 Jahren konnte sie mich überzeugen. Jedoch sorgte sie damals mit ihrer Ruppigkeit für adrenalinschwangere Überraschungsmomente, wenn sie bei jeder noch so kleinen Gasgriffbewegung wie narrisch vorpreschte. Reines Mitschwimmen im Stadtverkehr ging oft nur mit leicht gezogener Kupplung. Das soll nun vorbei sein. Ich bin gespannt.

Auf dem Weg nach Ursensollen gehe ich die Punkte durch, die geändert wurden:

Motorseitige Änderungen sind:
Doppelzündung mit 2 unterschiedlichen Zündkerzen, die jede einzeln per Mapping angesteuert werden und so mit unterschiedlichen Zündzeitpunkten für eine bessere Verbrennung und feineres Ansprechen sorgen.
Eine neu konstruierte Kurbelwelle mit nach außen verlegten Schwungmassenzentren für verbesserten Rundlauf
Geänderte schärfere Ventilsteuerzeiten
Neue Schwungmassenposition
5 PS mehr, also statt 170 PS nun 175 PS
Mehr Drehmoment … statt 121 NM nun 127 NM

Am Fahrwerk änderte man Folgendes:
Die Gabel: Bis auf die Federn wurde alles geändert – Dämpferabstimmung, Ölmenge, Luftpolster
Das Federbein: eine weichere Feder
Geänderte Heckhöherlegung per Excenter
Geänderte Serienbereifung: Dunlop Sportsmart

Für bessere Sichtbarkeit im Straßenverkehr erhielt der Scheinwerfer rechts und links am Fernscheinwerfer grellweiße LEDs als Tagfahrlicht.

Und wie fühlt sich das alles nun an?
Beim Druck auf den Starter so wie gewohnt. Leichtes, aber kraftvolles V2-Bullern aus dem Unterflurdämpfer. Nach kurzer Warmlaufphase ist die Drehzahl bei 1200 U/min eingependelt. Ich sitz auf und gleich wieder ab. Alle Einstellungen stehen auf Rennstrecke. Also montiere ich erst mal fast alles auf „Komfort“. Die Lenkerstummel kommen in die obere Position – genau wie die Fußrasten inkl. Fußbremshebel in die untere Position wechseln. Der Schalthebel wird angeglichen. So passt es nun für mich, weil auch dieser Fahrbericht ausschließlich auf der Landstraße stattfinden wird.

Raus aus Ursensollen
Gleich rein ins oberpfälzische Landsträßleingewirr Richtung Heimat. Zuerst fällt mir auf, wie überaus angenehm sanft diese neue KTM RC8R ans Gas geht. Die Gasannahme geschieht sehr weich. Die gesamten Lastwechsel scheint sie in der Entwicklungsabteilung gelassen zu haben. Ich hab das Gefühl, dass es beim langsamen Gasaufdrehen keinen Übergang zum Leistungseinsatz mehr gibt. Es funktioniert fabelhaft. Das erreichte man unter anderem dadurch, dass die Doppeldrosselklappen auch in der geschlossenen Stellung immer etwas offen bleiben, was den harten Einsatz abmildert beim Gasgeben.
Und dann? Dann geht’s los. Dann geht die Post ab. Bereits ab 2000 U/min steht der 75°-V2 derart gut im Futter, dass ich mit der Kati sofort lospreschen kann. Und dann heißt es auf den kleinen Sträßchen „Aufpassen“, denn ich bin mit dieser Maschine immer schneller unterwegs als gefühlt. Nun ja, zumindest nach dem Anpassen des Fahrwerks an meine Belange. Es ist schlicht zu hart für die Landstraße. Schnell sind vorne und hinten das Fahrwerk angepasst. Schon ein paar Klicks an Zug- und Druckstufe ändern alles. Plötzlich bin ich auf einem Sporttourer unterwegs, der feine Unebenheiten zwar wegschluckt, dennoch präzisere Klarheit über den Fahrbahnbelag liefert.

Nu kann es wirklich losgehen.
Ich lasse die KTM RC8R mit wachsender Begeisterung zu mir heimfliegen. Auf diversen Testfahrten und beim Shooting versuche ich, die Grenzen der Maschine auszuloten. Obwohl ich mich sehr nah an der letzten Rille aufhalte, erschüttert nichts dieses Motorrad. Rahmen und Fahrwerk harmonieren wunderbar mit den Dunlop Sportsmart.
Zum Rausbeschleunigen aus Kurven gibt es keinerlei Überraschungen mehr durch Hinterradrutscher aufgrund zu harten Leistungseinsatzes. Auch im mittleren und oberen Drehzahlbereich bleibt die weiche Gasannahme erhalten. So hab ich bei diesem Modell das Gefühl, im Vergleich zur alten RCR8 die 175 PS immer im Griff zu haben. Das vermittelt schnell Sicherheit und schafft Ideen für die eine oder andere Unartigkeit. Das macht so einen Spaß, dass ich gar nicht mehr runter möchte von der Maschine.

Auf einigen Testfahrten kann ich mich davon überzeugen, dass die aktuelle KTM RC8R deutlich harmonischer und letztlich auch schneller zu fahren ist als die alte Version. Ich trau mich deutlich eher, in Kurven ans Gas zu gehen, lasse die Kati noch in satter Schräglage beschleunigen und komme so deutlich schneller aus Kurven heraus als früher. Gase ich zum Kurvenausgang kräftig an, wird das Vorderrad sehr leicht. Dank des effektiv funktionierenden Lenkungsdämpfers bleibt die RC8R auch in dieser Situation ruhig. Kein Lenkerflattern oder massiver Shimmy. Diese Ruhe überträgt sich auf mich und meine Fahrweise. Obwohl ich teilweise deutlich engagierter unterwegs bin als mit anderen Motorrädern, bin ich dabei die Ruhe selbst. Alles wirkt so selbstverständlich. Keine Anzeichen, dass ich mit der KTM eine Grenze überschreite. Selbst hartes Anbremsen und darauffolgendes kräftiges Angasen, heftiges Umlegen in Kombinationen auf schlechtem Patchworkbelag – die Kati scheint mir immer zuzuzwinkern und zu sagen: „Mach nur weiter so. Forder mich. Ich mach das alles locker mit.“

Durch die Fahrwerksmodifikationen wirkt sie agiler, leichter einlenkbar und trotzdem superstabil. Vor allem in sehr schnell gefahrenen Schräglagen (jenseits der 200er Marke) hab ich das Gefühl, ich könnte sie einhändig fahren, ohne dass sie dabei steif wirkt. Kleinste Lenkimpulse übernimmt sie sofort und setzt sie präzise um. So in der Art kenne ich das bisher nur von einer Aprilia RSV4. Obwohl das Fahrwerk durch meine Modifikationen für einen Supersportler äußerst komfortabel arbeitet, bleibt es in Grenzsituationen so stabil, dass Adrenalin lediglich im normalen Maße ausgeschüttet wird.

Um alles perfekt zu machen, wartet die RC8R mit den aus dem Supersport bekannten radial verbauten Brembo-Monoblocks auf. Sie sind für mich die Referenzklasse in Sachen Feindosierung und gleichzeitiger ankerartiger Verzögerungsleistung. So bleibt ein Aufstellmoment aus. Reinbremsen bis tief in die Kurve schafft keinerlei Probleme. Feine Tempoanpassungen können jederzeit vorgenommen werden. Und wenn der Bremspunkt erst kurz vor die Kurve gelegt wird, muss man beim Anbremsen ein leicht werdendes Hinterrad in Kauf nehmen. Das spielt sich alles auf höchstem Niveau ab.

Ungünstig empfinde ich im sehr umfangreichen LCD-Multifunktionsinstrument den Balken-Drehzahlmesser. Daran werde ich mich wohl nie gewöhnen (auch bei anderen Motorrädern nicht). Sehr schön dagegen die Ganganzeige.

Fazit:
Ready to Race. So heißt es seit einiger Zeit bei KTM. Die RC8R ist bereit – aber nicht nur für die Rennstrecke. Ihre ergonomischen Qualitäten, ihre vielfältigen Einstellmöglichkeiten an Sitzposition und Fahrwerk machen sie in ihrer Sparte einmalig. Auf der Landstraße wird sie keiner Situation begegnen, die ihr Grenzen aufzeigt. Dafür wurde sie zu sehr für engagiertes Sporteln entwickelt. Dazu kann sie zu viel.
Und gerade das macht den besonderen Spaß aus, den sie versprühen kann. Alles funktioniert, manches besser als erwartet. Und dazu erhält man einen bärig starken V2-Motor, der neben kräftigem Anschieben und klar linearer Leistungsabgabe auch die sanfte Tour mit ultraweicher Gasannahme beherrscht und insgesamt nicht mehr so schluckfreudig ist wie sein Vorgänger. Sag, bist du bereit für einen Ritt?



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