K
Fahrbericht KTM 990 Superduke Modell 2007
Stand: Juli 2007
(zum Bericht Vorgängermodell hier klicken ...)

Text: Ralf Kistner
Fotos: Ralf Kistner, Gitte Schöllhorn

Ich gehöre zur der Gattung Motorradfahrer, die sich am liebsten auf kurvigen Landstraßen abseits großer Verkehrsströme aufhält. Hier kann ich meine Runden drehen und engagierte Ausfahrten genießen – idealerweise auf einem Motorrad, das meine Ambitionen durch Kraft und Stabilität unterstützt.

Vor zwei Jahren war es die KTM 990 Superduke, die mir durch ihren Charakter neue Facetten des Motorradfahrens eröffnete. Es war einerseits der potente 75°-V2, der fast schon zu bärig an der Kette riss, wenn ich das Gas etwas öffnete, sodass das Vorderrad oft Höhenluft schnupperte. Es war andererseits die für mich bis dahin perfekte Kombination aus Rahmenstabilität und feinst dosierbarer Bremssicherheit. Allerdings mussten beherzte Ausritte aufgrund des Superdurstes in Regionen mit großer Tankstellendichte geplant werden. Das 15-Liter-Faß konnte die „alte“ Superduke schon nach 130 km leergesaugt haben, wenn ich ihr mal forsch die Sporen gab.

Ich war überrascht, dass nach 2 Jahren Marktexistenz eine neue KTM 990 Superduke erschien. Mein Interesse galt besonders dem Spritdurst und der Frage, was man an einem an sich perfekten Motorrad besser machen kann.

Zuerst fallen die neu gestaltete Lampenmaske und der neue Kotflügel ins Auge. Hinten ist es das schwarz eingefärbte Rücklicht. Sonst schien alles beim Alten geblieben zu sein. Halt, nein, mir stechen gleich noch die radial verschraubten Bremszangen mit vier Einzelbelägen ins Auge.

Entsprechend der Abgasbestimmungen musste nun die Euro-3-Norm erfüllt werden. In Verbindung mit der fast zu aggressiven Motorcharakteristik eine Herausforderung, der man sich in Mattighofen stellte. Die Neue sollte beherrschbarer im Antritt werden, nichts von ihrer Kraft einbüßen und dazu mit reduziertem Spritdurst und weniger Emissionen an den Start gehen. Möglich machte man diese Optimierung durch modifizierte Brennräume, angepasste Steuerzeiten und einem neuen Mapping.
Für mehr Feedback erhielt die Superduke an Federbein und Gabel härtere Federn und ein neues Set-up. Erstbereifung ist der Dunlop D-208 RR. Zur Reichweitenerhöhung fasst der Tank nun 18,5 Liter. Das Instrumentarium wurde komplett neu gestaltet.

Ich bin schon ganz hibbelig, als ich in Ursensollen vor meiner Testmaschine stehe. Schließlich verschaffte mir die ersten Superduke viele Spaßerlebnisse der besonderen Art. Wieder ist es der optische Eindruck, mit dem die 990er Superduke dem Betrachter eindeutig und unmissverständlich ihren vornehmlichen Einsatzzweck signalisiert: auf der Landstraße oder Rennstrecke der Knieschleiferfraktion zeigen, dass man dazugehören kann. Es ist ein auf die notwendigen Dinge reduziertes Bike. Ein mächtiger Motor, eine schmale Linie, kurzes Heck mit dominierenden Seatpipes, hochwertige Elemente an Fahrwerk und Bremsen, ein breiter konifizierter Lenker zum Anpacken.

Der Motor startet schnell und bullert gleichmäßig kräftig vor sich hin. Die Sitzposition wirkt gewohnt aktiv, leicht nach vorne gebeugt mit noch angenehmem Kniewinkel.

Los geht’s! Ich drehe den Gasgriff mit höchstem Respekt in Anbetracht meiner Erinnerungen an die alte Superduke, die fast schon zu direkt am Gas hing und mich damals nicht selten mit heftig einsetzender Kraft überraschte. Das fehlt der Neuen komplett. Nicht, dass sie nicht anzieht. Nein, sie tut nun mehr präzise das, was ich ihr per Gasdreh auftrage. Nicht mehr, vor allem aber auch nicht weniger. Sie tritt insgesamt sanfter an, wirkt aber im unteren Drehzahlbereich auf Abruf bereits etwas stärker.

Genial empfinde ich nach wie vor den Soundteppich, den die Sounddesigner kreierten. Als Fahrer erhalte ich betörend tiefbässige V2-Ansauggeräusche untermalt vom kraftvollen Bullern der Seatpipes. Höre ich mir eine Superduke im Vorbeifahren an, wirkt der Sound leise und fast schon langweilig. „Die Umwelt verschont, dem Fahrer gegönnt.“, könnte das auditive Leitmotiv gewesen sein.

Bis kurz vor Dillingen habe ich trockene Straßen, immer mit Androhung von Gewitter am Horizont, das sich ab dem Hahnenkamm dann entlädt. Ich bin froh über die wesentlich verbesserte Dosierbarkeit der Motorkraft und komme ohne durchdrehendes Hinterrad nach Hause. Überrascht bin ich auch vom Verbrauch von gerade mal 7,5 Litern. Dennoch bleibt Skepsis, denn die Heimfahrt war mehr eine Überführungsfahrt denn eine Testfahrt.

Die mache ich am nächsten Tag. Ich tanke voll und nehme genau die gleiche Strecke unter die Räder wie vor zwei Jahren, als die KTM 990 Superduke 13 Liter Super bleifrei durch die Brennräume jagte bei einer engagierten Testfahrt. An der Tankstelle überrascht mich die Neue nach der Fahrt äußerst positiv: 9,2 Liter bei gleicher Fahrweise. Das bedeutet eine Reduzierung des Spritverbrauchs für diese Fahrweise (Gänge ausdrehen, immer im Leistungsbereich zwischen 6000 und 9500 U/min) um knapp 30 %. Das ist erstaunlich unter dem Gesichtspunkt, dass die neue Superduke untenrum potenter wirkt und obenrum nichts von ihrer unbändigen Spritzigkeit verloren hat.

Wie fühlt sich ein solcher Ausritt an? Die Superduke erfordert keine Eingewöhnungsphase. Ich setze mich drauf und finde alle Bedienelemente ergonomisch optimal positioniert. Ich freue mich über den Anblick der übersichtlichen Infozentrale. Der Blick streift die Radialpumpen für Bremse und Kupplung. Alles wirkt höchst funktional. Nur in den Spiegeln sehe ich nicht viel. Mein Po findet auf einem wohlgeformten straff gepolsterten Sitzmöbel Platz. Die Maschine wirkt schon im Stand wunderbar ausbalanciert.
Auf Strecke scheint der Motor nur eine Gangart kennen zu wollen: Schub, Schub, Schub. Die Kraftentfaltung ist wie die Drehmomentkurve linear. Was ich am Gasgriff fordere, setzt der V2 direkt und mit maximaler Begeisterung um. Die Umschreibung „am Gas hängen“ scheint diese Maschine neu zu definieren. Das ist für mich Referenz.



Und wenn ich das Gas auf Anschlag ziehe, beginnt ein einzigartiger Spurt untermalt von ansteigend kernigem Sound. Gänsehaut, Grinsen im Gesicht, leuchtende Augen, Adrenalin, die nächsten Kurven (Christgarten – viele kennen die Strecke). Die Superduke wirkt regelrecht drehzahlgeil. Spielerisch werfe ich die Superduke von einem Radius zum nächsten. Ich verspüre die Leichtigkeit einer Enduro bzw. Supermoto, jedoch mit dem druckvollen Schub eines Supersportlers. Schnell sind die Dunlops an den Laufflächenkanten. Das Fahrwerk liefert saubere Rückmeldung über den Straßenbelag. Atemberaubende Schräglagen beginnen, süchtig zu machen. Die Art des Belages erscheint dabei völlig unerheblich. Die Superduke nimmt alles und scheint meine vorgegebene Linie in den Asphalt zu fräsen.
Unruhe? Fehlanzeige! Das gibt es bei der neuen Superduke nicht. Die erste Version wirkte vor allem beim schnellen Ausritt am Vorderrad etwas unruhig und ein wenig zu kippelig. Die Neue bleibt durchgängig stabil und dabei federleicht im Handling.

Ein sattes Plus sind nach wie vor die Bremsen. So linear und fein taxierbar die Motorleistung abgerufen werden kann, so geradlinig und fein dosierbar wirken die Bremsen mit kaum spürbarem Aufstellmoment. Vor einigen Kurven kann ich meine Bremspunkte deutlich später setzen. Fahrwerk und Bremsleistung lassen mich zügiger und sicherer durch meine Kurven huschen. Das Fahrwerk schluckt sensibel feine Unebenheiten und gibt sich beim Spurt ohne Schwächen. Deshalb: Unruhe? Fehlanzeige! Egal, was ich mit ihr anstelle.

Neu an der aktuellen KTM 990 Superduke ist die Möglichkeit, zu cruisen. Die harten Lastwechselschläge der Alten sind eliminiert. Und das macht auch Spaß – na ja – für kurze Zeit, denn es folgt schnell der Ruf nach anderer Gangart mit mehr Leidenschaft. Und wie so oft mit ihr – ich gebe nach. Die Hatz beginnt - wieder und wieder und wieder ….

Fazit:
Perfektes kann man perfektionieren. Das hat die KTM 990 Superduke im Test eindrücklich gezeigt. Ohne Einbußen am spritzigen Temperament hat sie durch die sanftere Motorcharakteristik, dem reduzierten Spritverbrauch und dem größeren Tank an Alltagstauglichkeit gewonnen, ohne dabei auch nur eines ihrer vielen Sportgene abzulegen.
Dieses Motorrad ist in jedem Fall interessant als Alternative zu vielen Sportmaschinen, denen man bei beherztem Ritt durchaus die angeschrägten Seatpipes zeigen kann.