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750 für einen Strike

Fahrbericht mit der Laverda 750 Strike
(Stand: 24.09.2001)
Text: Ralf Kistner
Fotos: Ralf Kistner, Margit Bauer

"Treffer" oder "Glücksfall" war eine der Übersetzungsmöglichkeiten, die ich im Wörterbuch für den Begriff "Strike" fand. Laverda - ein Glücksfall? Wer regelmäßig die einschlägigen Ausgaben der aktuellen Fachpresse durchschaut, findet kaum etwas über Laverda, obwohl vor allem die älteren Biker bei dem Namen glänzende Augen bekommen. Irgendetwas muss doch dran sein an den Laverdas. Irgendwas löst der Name immer aus. Manche meinen, dass es die schon gar nicht mehr gäbe. Die seien ja schließlich pleite. Zudem gab's immer wieder mit den luftgekühlten Twins Probleme. Andere meinten, dass Laverda aus Italien käme und rein deswegen schon gut sein müsse, denn wer sonst könne gute Motorräder bauen als die Jungs vom Stiefel.

Da ist weiterhin Aufklärungsarbeit zu leisten. Laverdas werden aktuell weiter gebaut, die Lager sind voll, die Ersatzteilversorgung ist gesichert. Und luftgekühlt sind die Motoren schon lange nicht mehr. Keine Frage, dass Interssierte somit bei Vertragshändlern wie Andreas Schilling in Willburgstetten fündig werden können, wo ich dankenswerterweise "meine" Test-Strike abholen konnte.

Die Strike 750 ist vom Aussehen her das klassische Naked Bike mit sportlichen Ambitionen, wobei man sie auch in der "Monsterklasse" für konkurrenzfähig halten kann. Wie alle Laverdas der 750er Klasse entstammt auch sie dem Baukastensystem der italienischen Bikeschmiede. Rahmen und Fahrwerk sind allen Typen gemein. Und das sind auch die Sahnestücke, die bisher die Fachpresse zu Lobeshymnen anstimmen ließ. Wirkte in einem früheren Test die Formula auf mich vor allem beim Einlenken steif und starr, geht die Strike mit kurzen Lenkerimpulsen leicht in Schräglage und zieht dann ihre Bahn, als sei sie auf Mehdorns Schienen unterwegs. Keine Fahrbahndecke, die dieses Motorrad aus der Ruhe bringen kann.

Voraussetzung ist jedoch eine präzise Einstellung der Paiolis. Vorne als Upside-down-Gabel, hinten als Zentralfederbein, ergänzen sie sich mit dem Alubrückenrahmen in wunderbarer Weise. Die Werkseinstellung war mir zu hart und bockig. Die Maschine neigte zum "Hoppeln", was sich nach einiger Einstellarbeit an Zug- und Druckstufe vollkommen legte.

Klasse für eine individuelle Sitzhaltung fand ich auch die in Drehung und Kröpfung einstellbaren Lenkerstummel. Schade, dass es sowas nicht öfter gibt. So kann jeder seine eigene Sitzposition finden, was den Wohlfühlfaktor auf der Strike eindeutig hebt.

Laverda steht auch für Eigenwilligkeit. Das Herzstück dieser Eigenwilligkeit liegt in dem Parallelltwin mit seinen 747 ccm und 69 mm Hub. Der 4-Ventiler läuft beim Kaltstart schnell ohne Choke rund. Unter 3000 Umin läuft bei dem Zweizylinder nicht mehr als anständiges Geruckel und heftiges Zerren an der Kette. Darüber schiebt die Strike eindeutig nach vorne und giert ab 6000 Umin dann förmlich nach Drehzahlen und Gemisch aus der elektronischen Weber-Marelli-Saugrohreinspritzung mit 44er Drosselklappendurchmesser. Ab hier ist dann richtig was los. Die Leistungsabgabe setzt hier spontan und ruckartig ein, so dass im 1. oder 2. Gang das Vorderrad schon mal den Bodenkontakt verlieren kann. Auch für die Ohren ist die Strike ein Glücksfall, denn der Sound der Strike entfaltet sich schlagartig in ein regelrechtes 2-Topf-Röhren, das abhängig machen kann, wenn man als Fahrer Suchtanlagen in sich trägt.

Die Strike hängt recht gut am Gas, erfordert jedoch mit ihren heftigen Lastwechselreaktionen Geduld und Fingerspitzengefühl. Das konnte mitunter schon mal nerven, wenn ich in Ortschaften oder im Stadtverkehr mitschwimmen wollte. Deswegen war ich immer froh, wenn ich an Ortsausgangsschildern vorbei in die Landstraßen eintauchen konnte, wenn ich mich mit kurzen Gasstößen auf Spaßgeschwindigkeit katapultieren ließ, um wieder dieses traumhafte Fahrwerk zu genießen. Sicherheit vermittelte die mit 2 Brembo-Vierkolbenfestsätteln bestückte Doppelscheibe vorne, die mit relativ klaren Druckpunkt für satte und kräftige Verzögerung sorgte. Die hintere Bremse wirkte teigig, jedoch effektiv in der Bremsleistung. Zum Großbild klickenDie weiß unterlegten Instrumente bieten italienisch gestylten Augenschmaus, informieren jedoch nicht mehr ganz zeitgemäß. Die fehlende Uhr, die fehlende Tankanzeige und schlecht ablesbare Instrumentenleuchten entsprechen mittlerweile nicht mehr dem Zeitgeist der Vollinformation, der sich sogar bei Supersportlern als Standard etabliert hat.

Zum Großbild klickenDie Strike wirkte auf mich in ihrem Konzept nicht ganz rund. Super Fahrwerkseigenschaften für sportliche Kurvenhatz gepaart mit satten Bremsen, die jedoch ein eindeutiges Aufstellmoment auslösen und nach harter Beanspruchung teigig werden. Ein drehzahlhungriges Aggregat mit fetter Leistungsausbeute jenseits der 6000 Umin, aber mit nervigen Lastwechselreaktionen und Rupfen und Reißen an der Kette, wollte man die Laverda unter 3000 Umin bewegen. Trotz alledem ist die Strike ein geiles Naked für sportlich ambitionierte Biker mit dem Hang zum Besonderen.

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