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Fahrbericht BMW R 1100 R
(Stand: 04/2001)

Text: Ralf Kistner
Fotos: Ralf Kistner, M.Bauer


Die BMW R 1100 R kennt jeder. Auf den 1. Blick eher unauffällig hat sie sich ihren Platz in der großvolumig bestückten Naked-Bike-Szene erobert. Keine andere hat in verschiedensten Tests so überzeugen können, wie es die beiden beiden Bayern-Boxer R 850 R und R 1100 R taten.

Der R 1100 R wollte ich im Alltagsbetrieb, aber auch auf großer Pässetour durch die Schweiz, auf den Zahn fühlen. Die Testmaschine stellte mir dankenswerterweise die Presseabteilung von BMW in München zur Verfügung.

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Regen. Nichts als Wasser, das wie aus Kübeln geschüttet aus dem Himmel kam. Der diesjährige Juli machte seinem Status, statistisch gesehen der regenreichste Monat im Jahr zu sein, mehr als alle Ehre. Wassertriefend betrat ich die Tiefgarage des Pressefuhrparks und holte mir die reservierte Maschine von ihrem Stellplatz. Viel zu sauber, viel zu blitzend für dieses Mistwetter. Mir fiel das viele Chrom in die Augen, das vor allem vom Scheinwerfer und dem Instrumentengehäuse her blinkte.
Wieder am Tageslicht unter dichter Wolkendecke war es schnell aus mit der Sauberkeit. Es schiffte wirklich, was das Zeug hielt. „Glücklicherweise hatten die BMW’ler meiner Maschine eine großflächige Scheibe montiert“, dachte ich bei mir, als ich mir die noch trocken haltenden Handschuhe überzog. Diese Scheibe war jedoch schon gleich auf der Ostumgehung ein Ärgernis, denn sie sorgte im Helmbereich für reichlich Verwirbelungen, so dass ich mir in dem Moment nicht sicher war, was das kleiner Übel war: der Regen von vorne oder die Vibrationen. Bei eingezogenem Kopf war es dann erträglich. So bot die Scheibe einen wirklich guten Windschutz. Nur meine Sitzhaltung war damit unbequem und verkrampft.

Das war es dann auch schon mit dem Gemecker vom Tester.

Klasse machte sich von Anfang an der Schub, den der Boxer aus niedrigen Drehzahlen liefern kann. Bis ca. 6000 Umin hat man sattes Drehmoment am Hinterrad. Der Motor liefert keinen knallharten Punsch, sondern gentlemen-like ausdauernd kräftigen Druck ohne Ambitionen, bei Volllastbeschleunigungen die Arme des Fahrers heraus zu reißen. Über 6000 mag der Boxer nur noch zäh bis an den roten Bereich herandrehen. Weniger ist bei der R 1100 R deutlich mehr.

Der Twin hing in allen Lagen sauber und präzise am Gas. Deutlich spürbare Vibrationen stellten sich ab ca. 4000 Umin ein, die akkustisch durch dumpfe Brummgeräusche untermalt wurden. Nicht ganz die feine Art, aber auch nicht so störend, wie es oft beschrieben wurde. Aber wahrscheinlich bin ich da noch nicht so sensibel aufgrund meiner eigenen 2-Ventiler-Vibrations-Erfahrungen, die einfach von deftigerer Natur sind.


Der Blick fiel bei dem Mistwetter immer wieder auf die Armaturen, da sie mir optisch gut gefielen. Sie liefern gut sichtbare Infos über das, was den Biker interessiert. Schön dabei finde ich, dass BMW als High-Tech-Schmiede auf die LCD-Mäusekinos verzichtete. Das verleiht der Maschine zeitlosen Stil und passt zum optischen Gesamtkonzept dieses Bikes. Die R 1100 R wirkt einfach, aber nicht billig. Ein stilles Wasser, das tief gründet.

BMW-Standard ist der höhenverstellbare Fahrersitz (hier in 3 Stufen), mit dessen Hilfe eine individuelle Sitzhaltung gefunden werden kann. Eine Sitzpfanne, in der man gemütlich auch lange Touren ertragen kann ohne sich einen Wolf zu sitzen. Rückhalt bei Beschleunigungsaktionen ist inbegriffen. Die Fußrasten erlauben einen angenehmen Kniewinkel. Schade nur, dass die Lenkerposition fixiert ist. Der halbhohe und relativ breite Lenker garantiert jedoch eine bequem-aufrechte Position.
BMW-Standard auch die Hebeleien und Bedienknöpfe. Ich fragte mich jedoch, warum an der R 1100 R nicht die Schaltereinheit der K-Reihe Verwendung fand, da sie die Bedienung für Warnblinker, ABS und Griffheizung integriert und eine absolut einfache Bedienung ermöglicht. Mit Tankrucksack war es für mich manchmal in den Bergen ein nicht ungefährliches Suchspiel, den über dem Lenkkopf angebrachten Schalter für die Griffheizung blind zu ertasten.
Super die Bremsen. Ohne Schwächen oder Fading-Erscheinungen. Auch bei deftiger Pässefahrt bergab überzeugten sie stets durch sauber dosierbare Bremsleistung mit sehr klarem Druckpunkt. Selten brauchte ich mehr als 2 Finger. Selten musste der hintere Stopper wirkliche Unterstützungsarbeit leisten. Die 2 Vierkolbenzangen vorne verrichteten ihre Beißarbeit an den schwimmenden Scheiben mehr als vorzüglich. Das ABS II funktionierte ebenfalls ohne Makel. Manchmal lockerte es für meine Begriffe z.B. auf nassem Kopfsteinpflaster zu früh die Beläge. Das hintere ABS war im Fahrbetrieb eine mentale Entlastung, vor allem bei nasser Passstraße bergab.

Passend zu den agilen Stoppern ein meisterhaftes Fahrwerk. Es schluckt kleine Unebenheiten fast komplett weg. Es ist komfortabel, aber nicht schlonzig. In Verbindung mit dem Stahl-Gitterrohr-Rahmen wirkt alles stabil und steif. Nur voll beladen mit Sozia, 2 übervollen Koffern und einer prall gefüllten 75-Liter-Rolle auf dem Gepächträger zeigte die R in schnellen Autobahnkurven leichte, aber durchaus verzeihbare Verwindungen im Rahmen.
Bei sportlicher Pässefahrt konnte der Roadster genauso überzeugen wie vollbeladen auf Tour. Das ist, was mir gefällt. Eine Maschine mit einem universell einsetzbaren Fahrwerk. Leider setzte links der Hauptständer frühzeitig deutliche Kratzspuren in den Asphalt. Ich denke, dass die R ohne den Ständer noch wesentlich sportlicher zu bewegen wäre, wenn sie eben mehr Bodenfreiheit hätte.
Schade auch, dass die Feder hinten im Soziusbetrieb zum Durchschlagen neigt. Die Dämpfung geht hinten dagegen total in Ordnung.
Aber wie gesagt: die R ist kein Sportler, sondern ein vorzüglicher Allrounder.


Was letztlich zählt, ist neben guter Verarbeitungungsqualität und positiver Motorcharakteristik das Handling. Ich wüßte im Moment nicht, was man da noch besser machen könnte. Sie R 1100 R läßt sich spielerisch einlenken und zielgenau steuern. Trotz partiell durchschlagendem Federbein hinten bleibt sie ihrer Fahrlinie treu. „Einspuriges Schienenfahrzeug ohne Schienenträgheit“ könnte sie gleichfalls genannt werden. Das gefällt gleich bei der ersten Fahrt. Ich musste mich nicht lange an die Maschine gewöhnen. Sie passte wie ein Schuh, was mir andere R-Fahrer in Benzingesprächen bestätigen konnten.
Draufsetzen, losfahren und sich dabei sicher und wohl fühlen . . .

. . . , wenn da nicht dieses wirklich nervige Konstantfahr-Schieberuckeln wäre, dass anscheinend zum Signum einiger Mitglieder der 4-Ventiler-Boxerfamilie von BMW gehört. (Also gut, das ist noch ein Gemecker vom Tester). Das nervte wirklich. Vor allem in Ortschaften oder hinter LKWs fiel es mir besonders auf. Das Gezuckel auf dem Streckenstück zwischen dem Vierwaldstädter See und dem Züricher See mit seinen vielen Ortschaften hängte sich da besonders in meiner Erinnerung fest. Kann man da wirklich gar nichts machen? Ich meine natürlich ab Werk!

Die BMW R 1100 R bleibt trotzdem ein Motorrad mit deutlicher Spaßgarantie. Man sucht sich ja bekanntlich als Biker nicht die Ortschaften und Strecken mit LKW-Überschuss zum Biken aus. Und LKW können dank Drehmoment und genügend Kraft mit Leichtigkeit überholt werden.

Mich selbst konnte die R durch ihr Allroundtalent überzeugen, das sich unspektakulär, aber beständig in Szene setzte. Man nimmt es wie selbstverständlich an und denkt nicht viel drüber nach. Erst, wenn man einen Vergleich zu Maschinen ihrer Klasse hat, werden einem die Vorzüge der R 1100 R deutlich.

Es ist die Selbstverständlichkeit an technischer Ausgewogenheit, die diese Maschine trotz kleiner Macken zum Genussmittel mit hohem Nutzwert in vielen Lebenslagen macht.


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